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| Beim Krieg in Zentralafrika geht es nicht um Stammesfehden,
sondern um Gold, Diamanten und vor allem das Metall Coltan,
das in unseren Handys steckt |
| Armes, reiches Land: Millionen müssen für die
Bodenschätze im Kongo sterben |
| Mit Rohstoffexport bezahlen die Rebellengruppen
Waffen für neue Blutorgien — Diplomatischer Druck auf Nachbarländer
sinnvoller als Bundeswehr-Mission |
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Mit großer Mehrheit hat der Bundestag dem
Einsatz der Bundeswehr in Zentralafrika zugestimmt. Ab Anfang
Juli wird die Luftwaffe mit vier bis fünf Transportflügen
pro Woche in das ugandische Entebbe die europäische Eingreiftruppe
im Kongo unterstützen. Ob die Militärmission den Konflikt
beenden kann, ist beim Blick auf die Hintergründe allerdings
fraglich.
NÜRNBERG — Was hat mein Handy mit dem millionenfachen Morden
im Kongo zu tun? Jede Menge: Immer kleinere, immer leichtere
und immer leistungsfähigere Mobiltelefone, aber auch Computer
und Spielekonsolen, lassen sich nur bauen, wenn für die Kondensatoren
das seltene Metall Tantal verwendet wird. „Das ist der Rohstoff,
der den Krieg im Kongo zumindest teilweise am Laufen hält“,
beschreibt Joachim Jung, Regionalverantwortlicher für den
Kongo bei der Entwicklungshilfeorganisation „Brot für die
Welt“, den unheilvollen Zusammenhang zwischen unserer Gier
nach immer modernerer Kommunikationstechnik und den Toten
im Kongo.
Gewaltiger Gewinn
Nirgendwo sonst auf der Welt lässt sich Colombo-Tantalit,
kurz Coltan, so billig abbauen und anschließend mit solch
gewaltigen Gewinnspannen weiter an die High-Tech-Industrie
zur Herstellung von Tantal verkaufen wie im Kongo. Und nirgendwo
sonst leiden ein Land und die Bevölkerung derart an ihrem
Rohstoffreichtum. 1999, als der Handyboom einsetzte, begann
eine blutige Jagd nach dem heiß begehrten Coltan. Seitdem
fallen die Soldaten von sechs afrikanischen Staaten — Uganda,
Ruanda, Simbabwe, Angola, Namibia und natürlich des Kongo
— sowie unzählige von ihnen unterstützte Rebellengruppen mordend
und vergewaltigend über den Osten des Landes her. „Massaker
und Kannibalismus — die humanitäre Situation ist eine Katastrophe“,
bringt Jung die Lage auf einen kurzen Nenner.
Vermutlich drei bis vier Millionen Menschen wurden in den
vergangenen vier Jahren ermordet, etwa eine Million ist auf
der Flucht. Die Waffen für immer neue Blutorgien werden aus
dem Verkauf der Rohstoffe bezahlt — früher Gold, Diamanten
und tropische Edelhölzer, heute Coltan, das auf dem Weltmarkt
bis zu 400 Dollar pro Kilogramm einbringt. Experten schätzen,
dass allein das winzige Ruanda, das mit seinen Soldaten zeitweise
bis zu 1000 Kilometer tief in kongolesisches Staatsgebiet
vordrang, 2001 eine Viertelmilliarde Dollar mit dem Coltan-Verkauf
verdiente.
Doch nicht nur die Krieg führenden Parteien sind dick im Geschäft.
Nach Recherchen der Uno und des Vereins „Koalition gegen Bayer-Gefahren“
ist die deutsche Firma H. C. Starck in Goslar, eine hundertprozentige
Tochter des Chemie-Riesen Bayer, Marktführer im Tantal-Handel.
Zudem soll sich mindestens eine der Coltan-Minen in deutschem
Besitz befinden.
Starck bestreitet zwar, sein Coltan aus dem Kongo zu beziehen,
doch die Uno und die „Koalition gegen Bayer-Gefahren“ bleiben
auf Grund zahlreicher widersprüchlicher Aussagen der Firma
dabei, dass an dem von Starck vertriebenen Edelstoff Blut
klebt. Denn wer im Kongo einkaufe, komme an der RCD, einer
von Ruanda unterstützten Rebellengruppe, nicht vorbei, meint
Philipp Mimkes, Sprecher der „Koalition“. Mit dem saftigen
Zoll, der für jedes Kilo exportiertes Coltan an die Milizen
abgedrückt werde, könne sich die RCD wieder mit neuen Waffen
versorgen. „Solange der Export läuft, ist dieser Krieg nicht
zu beenden“, glaubt Mimkes.
Guter Weg
Dabei habe sich der Kongo auf nationaler Ebene auf einem guten
Weg in eine friedlichere Zukunft befunden, erklärt Joachim
Jung. Was vor zwei Jahren noch undenkbar war, wurde mit dem
Abkommen von Pretoria erreicht: In der Hauptstadt Kongos,
Kinshasa, wurde eine Übergangsregierung eingesetzt, an der
alle wichtigen Rebellengruppen beteiligt sind.
Alle fremden Truppen haben das Land inzwischen zumindest offiziell
verlassen. Allerdings haben Ruanda und Uganda über die mit
ihnen verbündeten Rebellengruppen noch immer weite Teiles
des Ostkongos unter ihrer Kontrolle. „Das ist das paradoxe
an der Lage: Wir haben einen zähen, aber leidlich erfolgreichen
Friedensprozess, aber die Situation eskaliert im Osten des
Landes“, sorgt sich Jung. Vor allem das Entstehen von immer
neuen Rebellen-Splittergruppen, die auch ein Stück vom Rohstoffkuchen
abhaben wollen, erschwere die Suche nach einer friedlichen
Lösung.
Beispielsweise sei die UPC, die Bunia, den Einsatzort der
EU-Truppe, erobert hat, inzwischen so mächtig, dass man sie
kaum noch bei der Regierungsbildung in der Hauptstadt ignorieren
könne. Dass es bei dem Gemetzel in Bunia um einen Streit zwischen
Hema und Lendu geht, wie es die Bundesregierung als Begründung
für den Einsatz der Bundeswehr in Afrika anführt, will Philipp
Mimkes nicht glauben: „Die Uno hat immer wieder deutlich gemacht,
dass es sich um einen Rohstoffkrieg und nicht um eine Stammesfehde
handelt.“
Können 1500 europäische Soldaten in diesem komplizierten Geflecht
wirtschaftlicher Interessen überhaupt etwas ausrichten? Joachim
Jung befürwortet den Einsatz, schon allein, um den Hass in
Bunia nicht eskalieren und eine Versöhnung in noch weitere
Ferne rücken zu lassen. „Aber 350 deutsche Soldaten sind natürlich
nur ein symbolischer Beitrag, die können den Konflikt nicht
lösen.“ Erfolgversprechender wäre es, diplomatischen und wirtschaftlichen
Druck auf die Nachbarländer auszuüben. Die Bundesregierung
könnte Ruanda beispielsweise damit drohen, meint Jung, die
deutsche Entwicklungshilfe zu kürzen, wenn das Zündeln im
Nachbarland nicht ein Ende hat.
Für Philipp Mimkes ist hingegen klar, dass die deutsche Regierung
viel zu wenig tut, um dem Konflikt die Nahrung zu entziehen.
„Man müsste H. C. Starck endlich zwingen, seine Lieferanten
offen zu legen.“ Alternativen zu dem blutigen Coltan gibt
es nämlich durchaus: In Australien und Brasilien wird der
grobkörnige, schwarze Sand ebenfalls gefördert. Und zwar wesentlich
sicherer, wie Mimkes betont. Denn die unvorstellbar schlechten
Sicherheitsbedingungen in den kongolesischen Minen hätten
schon mehrfach zu furchtbaren Grubenunglücken geführt.
Letzter Regenwald
Und der Verbraucher, der Tag für Tag sein Tantal-bestücktes
Handy ans Ohr hält, kann der auch etwas tun? „Na ja, Siemens
und Nokia werden kaum erzählen, wo ihr Tantal herkommt“, meint
Reinhard Behrend, Vorsitzender des Vereins „Rettet den Regenwald“,
der sich im Kongo dem Schutz eines der letzten großen unerschlossenen
Urwälder auf der Welt verschrieben hat. „Aber bei Bayer kann
man durchaus gegen die Geschäftspraktiken ihrer Tochter-Firma
H. C. Starck protestieren.“ ARMIN JELENIK |
| 21.6.2003 0:00 MEZ |
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