Deutsche Medien und Falludscha

Komplizen eines Kriegsverbrechens

(Von Peter Schwarz  12. November 2004)

 

Die Reaktion der deutschen Medien auf die US-Offensive gegen die  300.000-Einwohner-Stadt Falludscha ist ein politischer Skandal.  Die weitgehende Zerstörung einer Großstadt ist den großen Fernsehanstalten und den meisten Tageszeitungen lediglich eine Notiz am  Rande wert. Die Sprachregelung der US-Kriegspropaganda wird weit-  gehend übernommen, das brutale Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung  verschwiegen.   Verfolgt man die Ereignisse durch den Filter der deutschen Medien,  könnte man glauben, es handle sich um eine routinemäßige Polizeiaktion gegen "Terroristen", und nicht um die Eskalation eines  Besatzungskrieges, der immer offener zum nackten Terror gegen die  Zivilbevölkerung übergeht.   Vergleicht man die jetzige Berichterstattung mit jener zu Beginn  des Irakkrieges im Frühjahr 2003, fällt der Unterschied besonders  deutlich ins Auge. Damals stellten alle großen Fernsehkanäle ihre  Programme um und brachten stundenlange Sondersendungen über den  Krieg.

 Die ARD sendete jeweils nach den Hauptnachrichten wochenlang  einen 15- bis 45-minütigen "Brennpunkt". Diese ausführliche Berichterstattung ermöglichte es den Zuschauern, ein eigenes Urteil zu  bilden, und trug so maßgeblich zum großen Ausmaß der Antikriegsdemonstrationen bei. Obwohl der Angriff auf Falludscha die größte  Militäroffensive seit der Eroberung Bagdads darstellt und jene an  Rücksichtslosigkeit noch übertrifft, gibt es diesmal keine vergleichbare Berichterstattung.   Am Dienstag, dem zweiten Tag der Offensive, konzentrierten sich  sämtliche Nachrichtensendungen auf das 15-jährige Jubiläum des  Mauerfalls. Im heute-journal des ZDF folgte ein langer, ermüdender  Bericht über die groteske Debatte, den Tag der Deutschen Einheit  auf einen Sonntag zu verlegen, bevor dann ganz kurz über den Angriff  auf Falludscha berichtet wurde - in der offiziellen Sprachregelung  der US-Regierung.   Nicht besser war es am folgenden Abend - der Mauerfall war  inzwischen aus den Schlagzeilen verschwunden - in Uli Wickerts  Tagesthemen. Sie begannen mit einem zehnminütigen Bericht über  die Wiederwahl des sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt. 

 Der Irak war Wickert noch nicht einmal einen selbständigen  Bericht, geschweige denn einen Kommentar wert. Lediglich in der  Zusammenfassung der Nachrichten wurde mit wenigen Sätzen darüber  berichtet.   Man musste auf andere Sender wie die britische BBC umschalten, um  einen Eindruck vom Ausmaß und der Erbarmungslosigkeit der Offensive  zu erhalten. Zwar gab auch die BBC weitgehend die offizielle,  regierungsamtliche Version der Ereignisse wieder, aber die minuten-  langen Bilder ihrer "eingebetteten" Journalisten ließen zumindest  erahnen, welche Hölle die Besatzungstruppen in Falludscha entfesselt  haben. Sie zeigten den pausenlosen Beschuss von Wohnhäusern und  Moscheen und zahlreiche Interviews mit Kommandeuren vor Ort, deren  blutrünstige Kommentare einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.  "Kill, kill, kill" war das häufigste Wort, dass sie immer wieder  hemmungslos in die Kameras brüllten.  

 Ähnlich zurückhaltend wie die großen Fernsehprogramme berichteten  auch die wichtigsten deutschen Tageszeitungen. Der Angriff auf  Falludscha war den meisten weder eine Schlagzeile noch einen  Kommentar wert. In der Regel beschränkten sie sich auf eine kurze  Zusammenfassung von Agenturmeldungen auf den Nachrichtenseiten,  wobei sie die offizielle Sprachregelung kritiklos übernahmen.   Die einzige Ausnahme unter den überregionalen Tageszeitungen war  die Frankfurter Rundschau, die relativ ausführlich und kritisch  über die Offensive berichtete. In der Wochenzeitung Die Zeit  erschien am Donnerstag ein Hintergrundartikel, der die US-Offensive  als Rachefeldzug darstellt und die Behauptung zurückweist, er  richte sich gegen ausländische Terroristen und nicht gegen den  Widerstand der einheimischen Bevölkerung. Doch solche Artikel  bilden die Ausnahme.

Veröffentlichten Zeitungen Kommentare,  begrüßten sie in der Regel die Offensive und erteilen der US-  Regierung Ratschläge, wie sie diese möglichst wirkungsvoll zu Ende  führen kann.   So empfahl die Süddeutsche Zeitung den US-Militärs, die Stadt  möglichst schnell zu erobern. "Mit Verhandlungsangeboten allerdings  sind die Rebellen von Falludscha ebenso wenig zu erreichen wie mit  dem Versprechen von Wiederaufbauhilfe", heißt es in einem Kommentar  von Peter Münch. "Der Widerstand kann nach der fehlgeleiteten  Entwicklung der vergangenen 18 Monate tatsächlich nur militärisch  gebrochen werden. Das birgt viele Risiken und nur eine Hoffnung: Es  möge schnell gehen. Ein rascher Sieg der US-Truppen im Verbund mit  der neuen irakischen Armee könnte Signalwirkung haben für das ganze  Land."  

 Die taz, die ansonsten kaum über Falludscha berichtet, erteilt den  US-Truppen den freundschaftlichen Ratschlag, nicht all zu viele  Zivilisten umzubringen. "Zunächst besteht die Herausforderung darin,  die Stadt zu erobern, ohne dass dabei viele Zivilisten ums Leben  kommen", heißt es in einem taz-Kommentar von Karim el-Gawhary.  "Sollte das misslingen, würden die USA zwar über kurz oder lang  Falludscha niederringen, zugleich aber im ganzen Land viele neue  Falludschas schaffen. Die Rebellen wissen das. Sie werden deshalb  versuchen, der US-Armee hohe Verluste zuzufügen - in der Hoffnung,  dass die Amerikaner dann wild um sich schießen."   Die taz folgt hier einem Propagandamuster, das so alt ist wie der  Kampf von Kolonial- und Besatzungsarmeen gegen Partisanen. Nicht  die Angreifer, die mit hochmodernen Waffen eine dicht besiedelte  Stadt bombardieren, sind für die zivilen Verluste verantwortlich,  sondern der Widerstand, der sich mit uralten Panzerfäusten und  Kalaschnikows zur Wehr setzt und die US-Armee dazu verleitet,  "wild um sich zu schießen". Es fehlt nur noch, dass die taz dem  irakischen Widerstand vorwirft, er verwende die Zivilbevölkerung  als "menschliche Schutzschilder".   "Doch selbst wenn das Kunststück einer relativ unblutigen Eroberung  gelingen sollte," fährt die taz fort, "steht eine zweite große  Aufgabe an: Die Stadt muss befriedet werden. [...] Endgültig be-  urteilen lässt sich der Erfolg oder Misserfolg der Militäraktion  erst am Wahltag, der nach bisheriger Planung Ende Januar statt-  findet."  

Die taz steht offenbar im Lager jener, die auf einen "Erfolg der  Militäraktion" hoffen - wobei sie mit Rücksicht auf die Empfindsamkeit ihrer Leser dafür betet, dass dem Patienten im Verlauf der  Operation nicht allzu große Schmerzen zugefügt werden. Die taz  wurde vor 25 Jahren als Alternative zu den offiziellen bürgerlichen  Medien gegründet. Seither hat sie sich - gemeinsam mit den Grünen,  denen sie immer nahe stand - kontinuierlich nach rechts entwickelt.  Seit Joschka Fischers Einzug ins Außenministerium steht sie ganz  auf dem Standpunkt der offiziellen deutschen Außenpolitik.   Die Gleichgültigkeit, mit der die deutschen Medien auf das Gemetzel  in Falludscha reagieren, ist derart auffällig und weit verbreitet,  dass sie nicht auf ein Versehen oder die Linie einzelner Redaktionen  zurückgeführt werden kann. Dabei fehlt es nicht an Informationen,  dass in Falludscha Kriegsverbrechen begangen werden, die mit jenen  der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg vergleichbar sind.   Schon die Zahlen sprechen für sich. Mehr als 10.000 bis an die  Zähne bewaffneten US-Soldaten, die mit Panzer- und Luftunterstützung  vorgehen, stehen maximal 3.000 primitiv bewaffnete Aufständische  gegenüber.

Bevor US-Einheiten vorrücken, greifen Flugzeuge, Hubschrauber und Panzer Häuser und Gebäude mit Raketen, Bomben und  schwerkalibrigem Maschinengewehrfeuer an, um alle Verteidiger aus-  zulöschen. Wohngebiete werden mit phosphorhaltigen Artilleriegeschossen bombardiert. Sie lösen Brände aus, die mit Wasser nicht  gelöscht werden können.   Der irakische Journalist Fadil al-Badrani, der für Reuters arbeitet,  berichtete am Dienstag aus der belagerten Stadt: "Minute für Minute  explodieren Hunderte Bomben und Granaten... Der Norden der Stadt  steht in Flammen. Ich sehe Feuer und Rauch. Falludscha ist zur Hölle  geworden." Am nächsten Tag meldete derselbe Journalist, dass fast  die Hälfte der 120 Moscheen in der Stadt "durch amerikanische Luft-  und Panzerangriffe zerstört" worden seien.   Selbst die zensierten Berichte der "eingebetteten" Journalisten  lassen keinen Zweifel, dass die Angreifer ohne Rücksicht auf  zivile Verluste vorgehen. So berichtete der in einer Marineeinheit  eingebettete Korrespondent des Christian Science Monitor (USA):  "Jedes Fahrzeug wird als potentielle Autobombe und jede Person als  möglicher Feind behandelt. Über Funk kam sogar die Anweisung, Hunde  zu erschießen, da sie Sprengstoff tragen könnten."  

Der Berichterstatter der Chicago Tribune, der mit US-Einheiten  in die Stadt vorrückte, meldete, eine Einheit für psychologische  Kriegsführung sei hinter ihnen her gefahren und habe über Lautsprecher Wagners "Walkürenritt" gespielt - die Musik, mit der  Francis Ford Coppola in "Apocalyse Now" ein Massaker an vietnamesischen Zivilisten untermalt.   Indem sie diese Informationen ignorieren, unterdrücken oder  herunterspielen, machen sich die deutschen Medien zu Komplizen  eines Kriegsverbrechens. Der Grund für dieses Verhalten ist  eine Mischung aus politischer Feigheit und Anpassung. Seit klar  ist, dass George W. Bush das Weiße Haus für weitere vier Jahre  besetzen wird, übt sich die deutsche Regierung in Ergebenheitsadressen und Anbiederungsversuchen. Was sie betrifft, so legitimiert Bushs Wahlsieg vom 2. November alle seine vergangenen  und zukünftigen Verbrechen.   Diese Haltung spiegelt sich in den Medien wieder. Anders als in  den USA, wo einige wenige regierungsnahe Medienkonzerne Presse  und Fernsehen kontrollieren, kann ihnen die Regierung hier zwar  die politische Linie nicht einfach vorgeben. Doch im Verhalten  der großen Mehrheit der Redakteure und Journalisten tritt ein  über Generationen eingeübter Reflex der deutschen Intelligenz und  Mittelklasse zutage: der Respekt vor jeder Macht und Autorität. 

 Nach Bushs Bestätigung im Amt ist die Kritik an der amerikanischen  Kriegsführung im Irak weitgehend verstummt. So verhielten sie sich  gegenüber Bismarck, so buckelten sie vor Willhelm II, so wählten  sie Hindenburg, und so ordneten sie sich Hitler unter.   Das Schweigen über die Verbrechen der USA im Irak bedeutet nicht,  dass die tonangebenden Kreise in Politik und Medien zukünftige  Konflikte und Zusammenstöße mit der transatlantischen Supermacht  ausschließen. Ganz im Gegenteil. Aber sie wollen sich nicht darauf  vorbereiten, indem sie die Bevölkerung aufrütteln und an ihr  Gerechtigkeitsgefühl appellieren. Das wäre angesichts der weitver-  breiteten Unzufriedenheit über die soziale Lage viel zu brisant  und gefährlich. Stattdessen reden sie der militärischen Aufrüstung  das Wort, um Amerika in Zukunft "auf Augenhöhe gegenüberzutreten".   In diesem Punkt ist sich auch die SPD-nahe Frankfurter Rundschau  mit den anderen einig. "Amerikas Wahl zwingt Europa auf die eigenen  Beine", kommentierte dort Martin Winter die Wiederwahl von Bush.  "Nur ein starkes Europas, das Verantwortung übernimmt, wird von den  USA respektiert werden."   Auf der anderen Seite des Rheins wurde man noch deutlicher. Die  Wiederwahl von George W. Bush werde Europa aufwecken, leitartikelte  Le Monde. "Die Schlussfolgerung lautet: Europa muss stärker werden.  Es darf keine Zeit mehr verlieren." Dabei seien zwei Aspekte  wichtig: "Erstens muss Europa die Stärke haben, um nicht mehr als  `Pygmäe` behandelt zu werden, wie die amerikanischen Neokonservativen nicht ohne Grund sagen. Man muss deshalb in beschleunigtem  Tempo ein Europa der Verteidigung und, was damit verbunden ist,  eine europäische Verteidigungsindustrie aufbauen. Zweitens muss  Europa aus seiner wirtschaftlichen Schwäche herauskommen."